Juli, August und September flogen schnell dahin. Es gab in diesen wenigen Monaten viel für Eva zu tun, ehe sie zur Bibelschule abreisen konnte. Neben ihren Hirtenpflichten hatte sie, auf ihre Zusagen hin, noch verschiedene mehrtägige Versammlungen zu halten. Dem allen musste sie erst nachkommen, ehe sie sich frei fühlen konnte, nach Anderson abzureisen. Dann gab es die Lagerversammlungen, die sie nicht vergessen durfte, und an denen sie aktiven Anteil nehmen musste. So blieb ihr keine Freizeit. Jeden Tag empfing sie einen Brief von ihrem Mann und fand auch Zeit zur Antwort. Wie freute sie sich, dass Gott ihr solch einen edlen Mann schenkte, auf den sie sich lehnen konnte, der mit ihr durch die Proben und Prüfungen dieses Lebens ging und der sie verstand – so, wie sie es einst von ihrer Mutter kannte. Obwohl jeder Augenblick mit aktivem Dienst für den Herrn ausgefüllt war, blickte sie schon voll Sehnsucht auf die Ferienzeit während der Weihnachtsfeiertage, die sie mit ihm in Virginia verbringen zu können hoffe.
O, wie die Tage vorüberflogen, und wie Gott sie in den Versammlungen segnete, die sie zu leiten hatte! Viele suchten Gott. Es war schwer, den ernsten Bitten einer Person zu widerstehen, die ein so nahes Leben mit Gott führte wie Eva, und ihr Ruf und Einfluss verbreitete sich weit. Mitte September hatte sie, noch vor ihrem Eintritt in die Schule, eine Versammlung zu leiten, und zwar in einer kleinen Stadt im südlichen Teil des Staates Indiana.
Der zweite Teil dieser Versammlungswoche war sehr regnerisch. Eines Abends, als Eva die Kapelle verließ, nachdem sie gepredigt und hart gearbeitet hatte, wurde sie vom strömenden Regen durchnässt. Das brachte ihr eine schwere Erkältung, so dass sie unfähig war, die Versammlung weiter fortzuführen. So kehrte sie in ihr kleines Zimmer nach Kentucky zurück, um einige Tage der Ruhe und Stille zu haben und am folgenden Sonntag ihre Abschiedspredigt halten zu können. Ihre Gehilfin blieb diese Tage bei ihr, um sie zu pflegen und ihrem Befinden liebevolle Aufmerksamkeit zu schenken. So fand sie der Sonntagabend wieder auf ihrem Posten und sie konnte der vielgeliebten Versammlung ihre Abschiedspredigt halten. Ihre Botschaft war eine gute Ermahnung, im Glauben standzuhalten und Gott treu zu bleiben. Die Kinder Gottes wurden zu Tränen gerührt, als sie daran dachten, dass dies der letzte Gottesdienst sei, den Eva ihnen als ihre Predigerin halte. Denn sie hatte ihnen treu gedient und war bei allen beliebt. Auch Unerlöste weinten, als sie ihnen an diesem Abend die Hand zum Abschied reichte. Ihr Leben war ein vorbildliches gewesen und sie hatte das Vertrauen und die Liebe aller gewonnen.
Während des Gottesdienstes fing es wieder an zu regnen und als Eva heimging, wurde sie wieder nass. Obwohl sie daheim sofort ihre Kleider wechselte, begann sie zu frieren und wurde während der Nacht schwer krank. Am Morgen hatte sie hohes Fieber und ihre Gehilfin benachrichtige ihren Mann. Zwei Tage später traf er ein und trat an die Seite ihres Bettes. Alle konnten sehen, dass das Ende nicht mehr weit war. Geduldig in ihrem Leiden lag Eva da und als man sie fragte, ob sie einen besonderen Wunsch habe, erwiderte sie: „Ich möchte mich auf meine Verheißung stellen: „Bittet, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.“ Lob und Preis Gottes kam fortgesetzt von ihren Lippen. In ihren Stunden geistiger Abwesenheit schien sie noch einmal ein paar Tage des Dienstes im Werke des Herrn zu durchleben, wie auch sich dem Vorgefühl dessen hinzugeben, wie es sein werde, wenn sie in diesem Herbst in die Bibelschule werde eintreten können.
Ihr Mann wachte beständig an ihrem Bett. Am Samstagmorgen, als er an ihrer Seite saß und ihre Hand in der seinigen hielt, schaute sie ihm ins Gesicht und sagte mit starker Stimme: „Liebling, ich werde dich verlassen müssen, aber nur für kurze Zeit.“
„Was meinst du?“, forschte er, als er sich über sie beugte.
„Ich meine, Jesus hat mich gerufen, und ich muss gehen und dich verlassen“, sagte sie. „Aber es wird nur für eine kurze Zeit sein, und dann werden wir wieder beisammen sein. Ich liebe dich innig. Und so sehr ich wünsche, bei dir zu sein, so wünsche ich noch mehr, bei meinem Herrn zu sein, und bald bin ich dort. Aber wenn du treu bleibst, werden wir uns wieder sehen.“
Aus den Augen ihres Mannes begannen Tränen zu rinnen und das entging nicht ihrer Beobachtung. Mit ihrer Hand liebevoll seine Wange streichelnd, sagte sie: „O Fred, lass für mich keine Träne fallen, denn mit Paulus kann ich sagen: „Ich habe einen guten Kampf gekämpft, ich habe Glauben gehalten. Hinfort ist mir beigelegt die Krone der Gerechtigkeit.“ Bei diesen Worten schien sie eine übermenschliche Kraft zu bekommen. Sie richtete sich auf und mit fester, unerschütterlicher Stimme hinterließ sie Botschaften, die an eine Anzahl ihrer Angehörigen und Bekannten, die während ihrer Krankheit nicht zugegen sein konnten, weitergegeben werden sollten. Vor allem dachte sie an die Schwester Predigerin, die ihr eine so große Hilfe war, als sie am Anfang, auf sich selbst angewiesen, ins Leben hinaustrat. „Sagt ihr“, bat Eva, „dass sie mir eine große Ermutigung gewesen ist und mir durch viele schwere Prüfungen hindurchgeholfen hat. Gott möge sie dafür segnen!“ An ihre Geschwister hinterließ sie die Mahnung, doch mit Gott ins Reine zu kommen und sie in der Herrlichkeit zu treffen. Ungefähr zwei Stunden saß sie im Bett, redete und hinterließ Botschaften für den einen und den anderen von ihren Freunden und Verwandten. Dann richtete sie ihre Augen zum Himmel und sang mit erhobener Hand das bekannte englische Lied „It pays to serve Jesus“ („Es lohnt sich Jesus zu dienen“).
Als die letzten Worte des Liedes auf Ihren Lippen verklangen, schaute sie ihre Gehilfin an, die am Fußende ihres Bettes stand, und sagte: „Schwester Ida, wir haben das Lied oft miteinander gesungen, und keiner kann seine Bedeutung besser verstehen, als ich jetzt. Ich werde es nicht mehr mit dir singen, aber ich möchte, dass du es bei meiner Beerdigung singst.“ Dann schlang sie ihren Arm um ihres Mannes Hals und sagte: „O Fred, du wirst nie wissen, wie sehr ich dich liebe. Ich möchte, dass du meine Verheißung auch zu der deinen machst. Du warst so gut zu mir gewesen. Möge dich Gott segnen und dich ihm treu erhalten!“ Wieder ihre Augen zum Himmel emporrichtend, streckte sie ihre Arme aus und rief: „Mama, Mama, ich komme, du kannst dich immer auf deine kleine Eva verlassen.“ Dann fiel sie in ihres Mannes Arme zurück und flüsterte leise: „Lege mich nieder und bitte Gott, dass er mich ohne Kampf hinwegnimmt.“ Er legte sie sanft auf die Kissen nieder. Noch einmal atmete sie tief, schloss ihre Augen, ein Lächeln flog über ihr Gesicht und sie war verschieden. Anstatt in diesem Herbst in die Bibelschule eintreten zu dürfen, hatte sie die große Schule des Lebens beendet, um ihr Zeugnis aus ihres Meisters Hand zu empfangen – die Krone des Lebens.
Ihre Überreste wurden nach St. Elmo gebracht. Die Beerdigungsfeier wurde in der Kapelle gehalten, wo sie ihre erste öffentliche Botschaft ausgerichtet hatte. Die großen Blumenspenden legten Zeugnis davon ab, wie sehr sie von allen geliebt und geschätzt worden war. Ein Prediger, den sie oft besuchte, und der während ihrer Krankheit und bei ihrem Tode zugegen gewesen war, leitete die Beerdigung, unterstützt von Prediger Mills. Eine feierliche Stille kam über alle Zuhörer, als er aufstand, um als Text für die Beerdigungsfeier die Schriftstellen zu lesen: „Ich habe einen guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten“ (2.Tim. 4:7). „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unsern Herrn Jesus Christus“ (1.Kor. 15:55.57). Eva hatte so ein Leben geführt, dass diese Worte, wenn auch der Prediger sonst nichts gesagt hätte, eine zufriedenstellende Beerdigungspredigt gewesen wären. Denn sie hatte gekämpft und den Sieg gewonnen durch den Herrn Jesus Christus.
Viele kamen herbei, um ihre sterbliche Hülle noch einmal zu sehen, unter ihnen auch der alte Familienarzt. Er zögerte eine Weile neben der Bahre, schluchzte laut, legte seine Hand auf ihre kalte, eisige Hand und sagte: „Ein wunderbares Leben ist dahin. Gewiss, sie war eine echte Christin.“
Als der Oktobernachmittag zu Ende ging und die Schüler des Andersoner Bibelseminars ihre Klassen für diesen Tag verließen, wurden Evas Überreste auf den kleinen Landfriedhof neben ihrer Mutter in die Erde gebettet. Obwohl die hinterbliebenen Geschwister den Tod ihrer Schwester als einen schweren Verlust empfanden, wandten sich alle mit großem Mitleid an den jungen Ehemann, denn ihr Tod war ein harter Schlag für ihn. Aber da er ihre Verheißung auch zu der seinen machte, wusste er, wo er sich hinwenden konnte, um Balsam für sein wundes Herz zu bekommen. Mitten in seinem Schmerz konnte er aufschauen und sagen:
„Ich danke dir, Herr, dass du sie mir gegeben hast, wenn auch nur für wenige Monate.“
Ein paar Monate nach Evas Tod besuchte Neva die Gottesdienste in der kleinen Kapelle ihres Ortes, wo sie wohnte. Als eine Aufforderung zur völligen Hingabe und Weihe an den Herrn gemacht und eine Einladung gegeben wurde, befand sich auch Neva unter denen, die nach vorne gingen.
Evas frühere Predigerin war gegenwärtig. Als sie sah, wie Neva wirklich den Sieg für ihre Seele erlangte, füllten sich ihre Augen mit Tränen. Sie dachte an Eva, die von hinnen gegangen war und die so ernstlich darum betete, dass dieser Tag kommen möchte. Ihr Herz zu Gott erhebend, sagte sie: „Dank sei Gott, ihre Gebete werden beantwortet und, obwohl sie gestorben ist, redet sie heute noch.“