O dürft ich treten hin
Zu jener Stätte, heilig, hehr vor allen;
Dürft vor dem Gnadenthrone niederfallen
Und fühlen, dass dem Herrn ich nahe bin!
Dort, wo die Cherubim
Die Flügel breiten um die güldne Lade,
Wo über dem Gesetze thront die Gnade,
Da möcht mein krankes Herz begegnen ihm.
In tiefe Dunkelheit
Ist seine Majestät zwar eingehüllet,
Doch in der Wolke, die den Ort erfüllet,
Strahlt milde der Schechinah(1) Herrlichkeit.
1.Schechinah (hebr.) – „Einwohnung“ Gottes oder die Stiftshütte, darin Gott gegenwärtig war.
O dürft ich einmal nur
Die ganze sünd’ge Seele ihm erschließen!
Da würden Lebensströme auf mich fließen,
Wie sanfter Regen auf die dürre Flur.
Doch nimmer kann das sein,
Vergeblich ist mein Sehnen und mein Bitten.
Einmal des Jahres nur mit leisen Schritten
Darf Einer dringen durch den Vorhang ein.
Einmal des Jahres geht
Der Hohepriester hin mit blut’gen Händen,
Um für das Volk die Sühnung zu vollenden
Und dort zu opfern Weihrauch und Gebet.
Wie wohl ist mir ums Herz
An jenem heiligen Versöhnungstage!
Da stillt ein tiefer Friede jede Klage
Und froher Lobgesang steigt himmelwärts.
Doch bald wird’s wieder Nacht,
Bald trüben das Gewissen neue Flecken.
O weh ist mir! Wer will die Schuld bedecken?
Wer will mich retten von der Sünde Macht?
Wohl bring ich Opfer dar,
Ein Ziegenböcklein oder Turteltauben.
Du nimmst sie an, mein Gott, ich darf es glauben,
Und dennoch wird mein Herz nicht ruhig gar.
O du mein Hort und Fels!
Ich flieh zu dir in meiner Angst hienieden.
Du wollst mich segnen, Herr, mit ew’gem Frieden,
Wollst dich erbarmen deines Israels!